Am 4. Dezember 2011 ist Frau Prof. Dr. Lilly Kemmler verstorben. Sie wurde 87 Jahre alt.

Lilly Kemmler hat die Klinische Psychologie in Deutschland sehr geprägt. Sie gehörte, neben Erna Duhm in Göttingen, zu den ersten Psychologen bzw. Psychologinnen, die einen Lehrstuhl für Klinische Psychologie erhielten. Das war 1969 am Psychologischen Institut der Universität Münster. Es gab praktisch keine Vorbilder, um einen solchen Lehrstuhl aufzubauen und auszurichten.

Sie hatte zwischen 1948 und 1953 Psychologie in Münster bei Wolfgang Metzger studiert. Dort erhielt sie ihre empirisch-experimentelle Orientierung, die in einer Zeit, als es auch noch eine geisteswissenschaftliche Psychologie gab, noch nicht selbstverständlich war. 1955 promovierte sie mit einer empirischen Arbeit über den frühkindlichen Trotz. 1960 wurde sie Lektorin für psychologische Diagnostik und habilitierte 1967 mit einer DFG-finanzierten Längsschnittuntersuchung über Schulerfolg und Schulversagen, in der Kinder vom ersten bis zum 15. Schuljahr begleitend untersucht wurden - eine viel beachtete und international anerkannte Studie.

Aber es war die Klinische Psychologie, die von Beginn an im Zentrum ihres Interesses stand, obwohl es den Begriff zu dem Zeitpunkt noch gar nicht gab. Bereits 1952 gründete sie zusammen mit Heinz Heckhausen und Oskar Graefe, zu dem Zeitpunkt wie sie Assistenten bei Wolfgang Metzger, später Gründer des Psychologischen Instituts in Bochum, eine Erziehungsberatungsstelle, Vorläufer aller heutigen Psychotherapieambulanzen. In einem Interview sagte sie dazu: "Und in meiner Examenszeit kamen einfach Menschen aus Münster und sagten: ‚Sie sind doch Psychologen, wir kommen mit unserem Kind nicht mehr zurecht, jetzt machen sie mal was’.“ Und weiter: „Wir hatten kaum Vorbilder, hatten viel Psychoanalyse gelesen und nahmen außerdem unseren gesunden Menschenverstand zu Hilfe." 1955 lernte sie auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie Reinhard Tausch und mit ihm die Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie von Rogers kennen. "Wir haben das sofort umgesetzt." 15 Jahre hat sie mit der Gesprächspsychotherapie gearbeitet, dann rückte die Verhaltenstherapie in den Vordergrund, später dann die kognitive Therapie von Ellis.

Als sie 1969, nachdem sie Rufe nach Würzburg und Marburg abgelehnt hatte, den Ruf auf den Lehrstuhl für Klinische Psychologie am Psychologischen Institut der Universität Münster annahm, bekam sie die Möglichkeit, mit acht Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter diesen Bereich zu gestalten. Sie holte sich von verschiedenen Universitäten junge Assistenten, denen sie die Möglichkeit bot, neben der Erziehungsberatungsstelle drei Schwerpunktbereiche aufzubauen: Dieter Vaitl die Psychophysiologie, Hanko Bommert die Gesprächspsychotherapie und Dietmar Schulte zusammen mit Margret Reiss, der Leiterin der Erziehungsberatungsstelle, die Verhaltenstherapie. Entsprechende Schwerpunkte in der Forschung und der Lehre wurden geschaffen. Damit schuf sie eine Abteilung für Klinische Psychologie, die in dieser Breite Vorbild und Maßstab für den Ausbau der Klinischen Psychologie an den deutschen Universitäten wurde. Viele ihrer Assistenten erhielten selber Lehrstühle, außer den genannten auch Dirk Hellhammer und Peter Fiedler, oder waren in anderen Bereichen prägend tätig, wie Jochen Windheuser oder Wolfgang Fiegenbaum, um nur einige zu nennen.

Lilly Kemmler ist stets ein Stück weit zurückgetreten hinter dem, was sie geschaffen hat und denen, die sie selbstlos gefördert hat. Aber sie war es, die ganz wesentlich dem Fach Klinische Psychologie in Deutschland den Weg bereitet hat. Sie sah es als ihre Lebensaufgabe, der sie sich ganz widmete. Sie verstarb nach langer Krankheit am Ort ihres Schaffens, in Münster.

Dietmar Schulte

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